Geringswalder Rathaus

Am 02.09.1905 wurde das Haus für den Sitz der Ortsbehörden seiner Bestimmung übergeben wurde. Fast zwei Jahre hatte man damals daran gebaut.

Vorangegangen waren lange Diskussionen, dass es im alten Rathaus von 1864 für die mittlerweile 11 städtischen Beamten zu eng geworden sei. Die Stadt befand sich noch immer in einer Phase des ökonomischen Aufbruchs. Und das sollte auch äußerlich noch deutlicher werden. So beschloss der „Stadtrath“ am 08.11.1902 zwei Grundstücke an der Ecke von Markt und Hauptstraße aufzukaufen und später dort ein neues Rathaus zu errichten. 
Der Beschluss zum Bau folgte am 20.04.1903, und er sah vor, dass das Vorhaben insgesamt nicht mehr als 175 000 Mark kosten und zunächst mit einer Ausschreibung beginnen solle. Dazu wurden 10 Architekturbüros eingeladen. Nach einigem Hin und Her ging der Auftrag an Baurat Julius Zeißig in Leipzig, der auch die Pläne für die Gebäude der Kirche und der Schule geliefert hatte. Schließlich am 9. Juni 1904 fand die feierliche Grundsteinlegung für das neue Rathaus statt. Inzwischen vergilbte Fotos zeigen Bürgermeister Goldammer, den Rochlitzer Amtshauptmann Dr. Süßmilch, den Ortsgeistlichen, Lehrer und Schüler der Stadt, Handwerker, Bürger und Gäste. In einer Kassette wurde unter anderem ein Text mit einer im Stil der damaligen Zeit verfassten Chronik der Stadt vermauert.
Bereits nach reichlich drei Monaten, am 24.9.1904, wurde Richtfest gefeiert. Zu diesem Zeitpunkt wirkten 59 Personen am Bau: ein Maurerpolier, 22 Maurer, 8 Handarbeiter, 8 Kutscher, 1 Bildhauer, 2 Steinmetzen, 2 Zimmerpoliere und 15 Zimmerleute.

Dominierten am Äußeren des Rathauses eher historische Bauformen wie wuchtige Portale, geschwungene Giebel, flach gewölbte Fenster und Erker, die an die Renaissance erinnern, so sollte im Inneren eher die damals aktuelle Kunstrichtung des Jugendstils bestimmend sein. Dies durchzusetzen, gelang durch die Zusammenstellung der Farben in den repräsentativen Räumen (Ratssaal, Eheschließungszimmer, Bürgermeisterzimmer) bzw. in der Formensprache der Bleiglasfenster (z.B. auch im Treppenhaus) oder der Holzvertäfelungen wichtiger Bereiche (so z.B. auch im Ratskeller) in einer anerkennenswerten Weise.

Es entstand ein Gebäude, das heute auf der Denkmalsliste steht, vor 100 Jahren aber als viel zu groß für den kleinen Ort bezeichnet wurde.

Die Inneneinrichtung des Hauses wurde überwiegend von Geringswalder Handwerkern angefertigt (Wandvertäfelungen, Mobiliar im Ratssaal, Eheschließungszimmer, Bürgermeisterzimmer und Ratskeller). Diese Möbel, vor allem auch die Stühle mit dem von den damals zahlreichen einheimischen Holzbildhauern gefertigten Stadtwappen, verrichten zum überwiegenden Teil noch heute ihre Aufgabe. Leuchter und Wandmalereien z.B. im Ratssaal oder im Gesellschaftsraum des Ratskellers zeugen von der Kunstfertigkeit der Menschen jener Zeit.
Besucher, die das Besteigen des Rathaus-Turmes unternehmen, werden mit einem interessanten Blick über die Stadt hinaus ins Umland belohnt. Auch der Turm wurde saniert, war er doch vor 100 Jahren wegen Geldknappheit vergleichsweise dürftig ausgefallen. Wieder schlägt die Glocke am Turm. Sie wird jetzt aber von einem modernen Uhrwerk gesteuert und nicht mehr von dem, das man damals vom Königlichen Hoflieferanten Zachariä aus Leipzig gekauft hatte. – Mag dies ein Beleg für die Verbindung von Altem und Neuem sein, das vielfach in den nunmehr modernen Büro- und Veranstaltungsräumen des Rathauses bis hoch unters Dach oder in der Bücherei im Erdgeschoss Einzug gehalten hat.

Wir danken Herrn Dr. Matthias Heimann für die Erarbeitung des Textbeitrages.